top of page

Die Explosion eines Munitionszuges in Berlin-Frohnau am 31. Mai 1945

Kurze Geschichte über die erstaunlich detailliert dokumentierte Explosion eines Munitionszuges in Berlin-Frohnau am 31. Mai 1945 von Luna Griebel

Datum: 26.01.2025

Nach Kriegsende strandete ein voller Munitionszug auf den Gleisen zwischen Berlin-Frohnau und Hohen Neuendorf, im Frohnauer Wald neben der Gollanczstraße, wo heute das Preiss Gartencenter steht. Die Gärtnerei Preiss wurde bereits 1937 an diesem Standort gegründet. Sein Gründer, Joseph Preiss, berichtet über die Explosion des Munitionszuges in einem Sammelband Frohnauer Erzählungen von 1985 [1]. Am Nachmittag des 31. Mai 1945 fuhr die erste S-Bahn der Nachkriegszeit wieder auf den Gleisen durch Frohnau nach Oranienburg. Der Munitionszug, bestehend aus 29 Waggons, wurde mit Büschen als Tarnung vor Fliegerangriffen geschützt. Als die S-Bahn vorbeirollte, entzündeten sich die Tarnbüsche durch einen Funkenflug. Kurz darauf explodierte die Ladung, und für die ganze Nacht bis zum darauffolgenden Morgen folgten unzählige Explosionen, bis die gesamte Ladung abgebrannt war. Weil nicht alle Waggons brannten, wanderte das Feuer von Waggon zu Waggon, was die lange Branddauer erklärt. Durch die heftigeren Explosionen wurde die Gartenanlage von Preiss und der umliegende Wald stark verwüstet, Trümmerteile (nach Preiss "über 6 Meter lange Schienenstücke und große Räder") bis zur Oranienburger Chaussee geschleudert, die Dächer des Polohauses und vom "Frohnauer Pilz" stark beschädigt und viele Fensterscheiben bis zur Markgrafenstraße zersplittert. Preiss berichtete, das zuerst ein Mann schreite "der Zug brennt!" bevor die Explosionen begannen. Ein Sprengstoffteil landete in seinem Zimmer unters Bett, welches dadurch angezündet wurde. Der Brand konnte rechtzeitig gelöscht und der Sprengstoff, angeblich eine Bombe, aus dem Fenster hinausgeworfen werden. In einem Luftschutzbunker konnten ungefähr 40 Frohnauer Zuflucht finden, andere versteckten sich im Wald. Todesopfer sind keine bekannt, nur ein totes Pferd wird von Preiss erwähnt. 

Die Explosion hatte nur begrenzten Schaden. Durch die langsamen Explosionen von Waggon zu Waggon springend wurde nicht der gesamte Zug mit einem Schlag detoniert, was um ein vielfaches schlimmer gewesen wäre. Der Wald schützte viele Gebäude und Menschen und der Frohnauer Ortskern in gewisser Entfernung. Den größten Schaden außerhalb der Gartenanlage von Preiss und dem Polohaus entstanden durch die Trümmerteile, die sich weit verteilten, und insbesondere den zersplitterten Fenstern. Glas war in der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Mangelware, weswegen schlecht Ersatz gefunden werden konnte. Die Aufräumarbeiten wurden kurz danach durchgeführt. Dabei konnten nach Preiss noch circa 600 funktionsfähige Granaten gesammelt werden, die Ladung wurde also teilweise nur weggeschleudert ohne dabei zu explodieren. Weil sich zu dieser Zeit circa 80 Mitarbeiter auf der "Plantage der Firma Preiss" befanden konnten die Aufräumarbeiten und Reparaturen schnell und erfolgreich abgeschlossen werden. Nach mündlichen Aussagen der Lokalbevölkerung soll es aber noch bis heute scharfe Munitions- und Sprengstoffteile, insbesondere Leuchtmunition, im Frohnauer Wald geben. Kleinere Trümmerteile liegen weiterhin im Waldboden weit verstreut vergraben. 

Der Munitionszug explodierte, als Frohnau noch unter sowjetischem Einfluss stand. Zwar wurde Frohnau Französischer Sektor, aber für 1945 hatten die Russen viel Handlungsspielraum dort und die umliegenden Orte Stolpe und Hohen Neuendorf befanden sich im Brandenburg, also dem Osten. Der russische Geheimdienst NKWD untersuchte den Vorfall, wozu keine genauen Details bekannt sind. Im Juni 1945 verschleppten sie dann in Frohnau den damals 17-Jährigen Berliner Joachim Giesicke, zusammen mit einem Schulfreund,  auf seinem Schulweg. Er wurde in einem NKWD-Gefängnis in Pankow eingesperrt und dort gefoltert und vehört. Man hatte ihm vorgeworfen, den am 31. Mai verbrannten Munitionszug angezündet zu haben. Er soll Angehöriger der "Wolfgruppe" sein. Der Fall wurde vor einem sowjetischen Militärtribunal verhandelt, was keine faire Verhandlung war. Das Urteil: 10 Jahre Arbeitslager. Sein Freund wurde hingerichtet. Zwei Jahre später, 1947, wurde er erneut angeklagt, diesmal für 25 Jahre Arbeitslager, nachdem er sich geweigert hatte als russischer Spion zu arbeiten. Giesicke landete im Gulag Workuta im nördlichen Polarkreis, einer der berüchtigsten Straflager für deutsche Gefangene. Die Bedingungen waren extrem brutal und für viele tödlich. Nach dem Tod Stalins 1953 verbesserten sich die Lebensbedingungen etwas und Giesicke dann mitsamt vielen der letzten deutschen Kriegsgefangenen entlassen. Er konnte dann endlich in die Heimat und zu seiner Mutter zurückkehren, welche nach fast 10 Jahre ohne Kontakt bereits vom Tod des Kindes ausgegangen ist [2]. Die Verhaftung 1945 unter dem Verdacht der Beteiligung an einer deutschen Wolfgruppe war nicht aus der Luft gegriffen. In den ersten Monaten nach Kriegsende kursierten nähmlich Gerüchte, das sich im Frohnauer Wald eine Wolfgruppe als deutsche Widerstandskämpfer verstecken sollte. 

[Text Ende]

Quellenangabe:

 

[1] Gartenstadt Frohnau – Frohnauer Bürger erforschen ihren Ortsteil von der Gründung bis heute. Berlin: Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung GmbH, 1985

[2] "Ich war der letzte Kriegsgefangene" Artikel der BZ (Autorin Christiane Braunsdorf) vom 04.09.2005 über die Geschichte von Joachim Giesicke / siehe auch das Buch von Joachim Giesicke über seine Erfahrungen in der Kriegsgefangenschaft

bottom of page